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Liebe Weltläden,

auch in diesem Herbst haben wir wieder viele neue Artikel für Sie - wir arbeiten mit Hochdruck an unserem neuen Katalog, der voraussichtlich pünktlich zum 1. September versendet wird; erst dann wird es unsere Neuheiten auch im Webshop zu bestellen geben.
Und reiselustig sind wir auch weiterhin, wer uns treffen und unsere neuen Produkte in natura betrachten möchte, kann das zu folgenden Gelegenheiten tun:

7. & 8. September - Ideenmesse in Frankfurt Bornheim

21. September - Hausmesse im Weltladen Marktoberdorf

22. & 23. September  - Fairer Markt Salzburg

8. Oktober - Contigo Hausmesse in Fellbach

9. Oktober - Contigo Hausmesse in Offenburg

Wir freuen uns auf Euch!

Das Akar-Team


Ein neues Projekt und ein neues Land

Zum ersten Mal besuchen wir unseren neuen Handelspartner Villageworks in Kambodscha. Als ich ankomme, ist unsere Designerin Christiane schon eine Woche da und kennt sich gut aus (und hat uns insbesondere ein schönes, günstiges Hotel mit einem bei 30 Grad im Winter höchst angenehmen Pool besorgt). Ein Tuktuk-Fahrer, der mit meinem Foto ausgestattet ist, erwartet mich am Flughafen.

Natürlich komme ich nicht umhin, Phnom Penh mit der nepalischen Hauptstadt Kathmandu zu vergleichen: Phnom Penh ist deutlich moderner, hier laufen keine Tiere herum, bei näherer Betrachtung auch keine Menschen; der moderne Kambodschaner ist motorisiert; die einzigen Leute die man zu Fuß durch die Hauptstraßen gehen sieht, sind offensichtlich Touristen. An großen Kreuzungen gibt es Verkehrsampeln - die stehen in Nepal auch herum, aber hier funktionieren sie UND man hält tatsächlich bei Rot. Leider gibt es auch keine Altbauten, alles ist in modernem Stil gehalten.

Im Office angekommen werde ich herzlich empfangen und gleich um meine Meinung zur besten Faltung einer Teeverpackung gebeten, dann geht es an Muster und 1000 zu klärende Fragen, die aus Christianes Design-Arbeit entstanden sind. Neben Anak - die ich in Frankfurt am Main kurz kennenlernte - treffe ich nun auch Socheata, mit der ich bereits in engem Email-Kontakt stehe. Und bekomme gleich mit, wie es bei Villageworks zugeht: Noi, die uns den Tee kocht und bringt, hat keine Hände und nur einen Fuß. Sie ist so geboren, wie viele Kinder in den 80er Jahren, als Folge der Giftgasbomben im Krieg. Anak erzählt, ursprünglich habe Noi auf ihren Sohn aufgepasst, aber ihre im Haushalt lebende Mutter habe sich immer Sorgen gemacht, daß sie ihn wegen ihrer Behinderung nicht sicher halten kann. Um des lieben Friedens Willen hat Anak Noi schließlich lieber im Büro beschäftigt - wo sie nun aber keineswegs nur Tee kocht; sie betreut auch den Verkaufsraum im Erdgeschoss und arbeitet am Computer. Anak traut Menschen etwas zu und fördert sie nach Kräften Neues zu lernen, wie wir später auch beim Besuch der Werkstätten immer wieder sehen werden. 

Es gibt in Kambodscha keine staatliche Fürsorge für Behinderte. Sie sind auf die Hilfe ihrer Familie angewiesen oder müssen sehen wo sie bleiben - eine Arbeit zu finden ist aber natürlich so gut wie unmöglich, wenn man körperlich nicht voll belastbar ist. So sah Anak tagein tagaus vor ihrem Büro, das gleich bei dem ehemaligen Geheimgefängnis und heutigen Museum zur Pol-Pot-Ära liegt - viele Bettler im Rollstuhl. Statt ihnen nun einfach ein paar Riel (die kambodschanische Währung) zu geben, überredete Anak ihre Mutter, ihr ein Stück Land zu überlassen, und richtete dort vor fünf Jahren eine Behindertenwerkstatt ein, die 20 bis 25, höchstens 30 Menschen an Nähmaschinen und anderem beschäftigt. Villageworks besorgt den Menschen auch Wohnungen in der Nähe der Arbeit, denn behindertengerecht ist Phnom Penh wirklich nicht - das Fortkommen schon als Fußgänger gestaltet sich mühsam, im Rollstuhl ist es aus eigener Kraft unmöglich, weitere Strecken zurückzulegen. Hier wird also ein Großteil unserer Produkte gefertigt.

Am nächsten Tag fahren wir aufs Land - nach Baray, einem etwa 3 1/2 Autostunden entfernten Dorf. Hier ist das Baray-Center, in dem Stoffe gewebt und Taschen aus gebrauchten Zementsäcken gefertigt werden. Ich möchte eine der Frauen hier für unseren Katalog interviewen - Anak stellt mir  Soptiya vor, die etwas Englisch spricht, und lässt uns stehen. Soptiya meint erst, ihr Englisch sei nicht gut genug, Anak solle übersetzen, aber die lässt sich wohlweislich am anderen Ende des Raums in ein Gespräch verwickeln. Und es klappt doch; ermutigt, ihr Englisch mal für was anderes als nur einfachste Verkaufsdialoge zu verwenden, merkt sie, dass sie mehr kann. Das Interview heben wir uns aber für den Katalog auf. Es fällt auf, wie kollegial der Umgang ist. Anak ist Geschäftsführerin, aber auch wenn wir natürlich kein Wort verstehen wirkt der Kontakt mit allen auf Augenhöhe, man begegnet sich mit gegenseitigem Respekt.

In Zusammenarbeit mit einem Gästehaus und einem Cafe - all dies, auch Villageworks selbst geht auf die Arbeit der methodistischen Missionarin Ester Ding zurück, die hier auch eine Schule unterhält - soll die Werkstatt zu einer "Eco-Lodge" ausgebaut werden, in der Touristen das einfache Landleben erfahren können. Wir dürfen als Versuchskaninchen eine Tour mit dem Ochsenkarren machen - hier müssen sie noch üben, statt der bestellten zwei Karren kommt nur einer, so müssen wir uns abwechseln und dem Karren die halbe Strecke entgegengehen. Übernachtet wird in traditionellen Khmer-Häusern, Holzhäusern auf Stelzen; unten wohnt das Vieh (in unserem allerdings nicht ;-). In der Regenzeit wird es schlammig und mitunter auch nass, wenn die Flüsse über die Ufer treten.

Am nächsten Morgen fahren wir nach Koh-Dach, der Insel der Weber, nahe Phnom Penh - wir setzen mit der Fähre über den Mekong. Sehr vertrauenserweckend wirkt sie nicht; es wird befohlen, dass man die Fenster öffnen und die Sicherheitsgurte lösen soll, damit man schwimmen kann, falls die Fähre sinkt - aber wir fahren eh alle lieber an der frischen Luft und genießen die Aussicht. Wir besuchen den Vorarbeiter der Weber; gewebt wird in Heimarbeit. In jedem Haus auf der Insel gibt es einen Webstuhl; diese Kunst wird seit Jahrhunderten von einer Generation an die nächste weitergegeben. Wir besuchen eine Weberin und werden Zeuge, wie sie einen ganz erstaunlich komplizierten Stoff mit sehr verschachteltem Goldbesatz webt - für Hochzeitskleidung. Mit einem einfachen Webstuhl, allerdings mit sehr vielen einzeln anzuhebenden Fächern. Die Frau sagt, sie kann nicht länger als fünf Stunden am Tag daran arbeiten; sie muss sich sehr konzentrieren.

Villageworks beschäftigt noch weitere Weber in Heimarbeit in anderen Gegenden Kambodschas; so können die Frauen zuhause ihr Einkommen verdienen und nebenbei die Kinder im Auge behalten. Andere Arbeitsmöglichkeiten gibt es im ländlichen Kambodscha kaum.

Zurück in der Stadt kommt es nach all den schönen Mustern und Lebensgeschichten nun zu den harten Fakten, und fast fürchte ich ja ein böses Erwachen - aber meine leise Sorge ist unbegründet: Alle Produzenten für Villageworks erhalten mindestens den von der kambodschanischen Regierung auf 170 USD festgesetzten Living Wage. Die Festangestellten sind krankenversichert, was Villageworks selbst bezahlt; Anak meint, den Leuten sei das volle Gehalt lieber; was sie dann tun,wenn sie krank sind, tja, soweit denken sie nicht.... Es gibt eine Unfallversicherung, 18 Tage Urlaub (zusätzlich zu den 22-23 gesetzlichen Feiertagen), 3 Monate Mutterschutzurlaub bei halbem Gehalt. Eine gesetzliche Rentenversicherung ist gerade im Entstehen, man plant sich dort anzumelden, das genaue Prozedere ist unklar und wird vor der Wahl im Sommer wohl auch nicht klarer werden.... Nur daß die Heimarbeiter nicht krankenversichert sind, fällt Anak bei unserem Gespräch auf, sie wird sich was dazu überlegen...

Bei Bedarf bietet Villageworks auch zinslose Darlehen, etwa für den Kauf eines Motorrads oder für die Reparatur des Hauses.

Wir haben nun etwa 10 Tage mit Anak und ihrem Team verbracht, die uns besonders angesichts der bisher noch sehr bescheidenen Bestellungen jede Menge ihrer Zeit geopfert haben - es ist ein kleines Büro-Team, bestehend aus nur fünf Leuten, von denen einer für den Einkauf zuständig ist; außerdem bereitet man sich gerade auf die nächste Messe vor und es ist Zeit, die Steuererklärung fürs vergangene Jahr abzugeben. Dennoch wurde jeder unserer Wünsche erfüllt und ich bin begeistert von dem, was ich hier sehen konnte und freue mich auf eine langjährige erfolgreiche Zusammenarbeit. Hier findet viel Begegnung auf Augenhöhe statt und es entstehen richtig gute Arbeitsstellen für Menschen, die außerhalb keinerlei Chancen hätten.

Andrea Krenz aus Phnom Penh, 26.01.2018